Glaube und Kunst verbinden sich am Gnadenort: von Msgr. Ludwig Gschwind

Als der Pfleger der Herrschaft Seyfriedsberg und Oberstjägermeister der Markgrafschaft Burgau, Jakob von St.Vincent, 1650 eine Feldkapelle auf dem Weg von Ziemetshausen nach Langenneufnach errichtete, wollte er seinen Dank zum Ausdruck bringen, dass der schreckliche Dreißigjährige Krieg endlich zu Ende war und er ihn unbeschadet überstanden hatte.

Oft und oft hatte der Pfleger bei der Mutter der Schmerzen Zuflucht gesucht und Erhörung gefunden. Nun wollte er ihr Bild, das Vesperbild, das die Mutter des Herrn in ihrem tiefsten Leid zeigt, in der Kapelle aufstellen.

Jakob von St. Vincent war nicht der einzige, der zu danken hatte, und so schloss sich so mancher fromme Beter dem Herrn auf Seyfriedsberg an und pilgerte zu der Feldkapelle.

Freilich, die Nöte waren mit dem Westfälischen Frieden nicht zu Ende. Kinder wurden krank, Väter verunglückten, Mütter sahen einer schweren Geburt entgegen, Pferde lahmten und Kühe gaben keine Milch. Da eilten sie von den umliegenden Orten hin zur Mutter der Schmerzen. Der eine und der andere fand Erhörung. Das sprach sich herum. Die Zahl der Beter nahm zu.

Nach dem bereits 1673 eine größere Kapelle errichtet worden war, ging man 1725 an den Bau einer Wallfahrtskirche. Simpert Kraemer schuf einen hohen, lichten Zentralbau, eine höchst kunstvolle Konstruktion, die allerdings keine 30 Jahre überdauerte. Die Fundamente erwiesen sich als zu schwach. Allzuviele Fenster und Durchbrüche beeinträchtigten die Tragfähigkeit. Risse bildeten sich. Es bestand die Gefahr, dass das filigrane Bauwerk einstürzte. So schlimm es war, es blieb keine andere Wahl, als die Kirche abzubrechen, wollte man nicht Leib und Leben der Wallfahrer gefährden. Noch im gleichen Jahr, 1754, begann man mit dem Neubau. Die Arbeiten übertrug man Johann Georg Hitzelberger, einem Maurermeister aus Ziemetshausen. Er achtete auf gute Fundamente und tragfähige Mauern. So entstand der lichte Kirchenraum, den wir heute sehen. Das barocke Gotteshaus mit dem schmucken Zwiebelturm, das sich malerisch in die Landschaft einfügt, hat seitdem manche Veränderung in seiner Ausstattung erfahren, aber immer stand das Gnadenbild, die Schmerzensmutter mit dem toten Sohn, im Zentrum. Erhalten geblieben sind auch Fresken von Balthasar Riepp aus Reutte in Tirol.

Das Deckenfresko im Chorraum erzählt von der Kreuzabnahme. Maria und Johannes stehen unter dem Kreuz. Der Künstler sucht die ganze Dramatik des Vorgangs zum Ausdruck zu bringen und auch das Leid, das alle am Geschehen Beteiligten erfasst hat. Maria aber steht unter dem Kreuz. Sie ist bereit für den Augenblick, in dem man ihr den toten Heiland in den Schoß legt.

Das Wort des greisen Simeon, das er bei der Darstellung Jesu im Tempel gesprochen hat, "Deine Seele wird das Schwert des Schmerzes durchdringen", (Bild an der unteren Empore) erfüllt sich von neuem.

Die vier Evangelisten, die in den Zwickeln dargestellt sind, verkünden die frohe Botschaft, dass Jesus am Kreuz für uns gestorben ist und am dritten Tag von den Toten auferstand. Die Mutter, die unter dem Kreuz ausgehalten hat und den toten Heiland im Schoß hält, darf an der Verherrlichung des Sohnes teilhaben. Davon berichtet das Deckenfresko des Langhauses. Wir dürfen einen Blick in den Himmel werfen. Die verklärte Schmerzensmutter hält uns den Sohn entgegen. Sie ist umfangen von der Liebe des himmlischen Vaters, erfüllt mit der Freude des Heiligen Geistes. Um die Schmerzensmutter scharen sich die Heiligen. Man kann den Patron der Beichtväter, Johannes Nepomuk, erkennen, aber auch Sebastian, Laurentius und Stephanus. Bei den weiblichen Heiligen erkennen wir Barbara und Katharina. Diese beiden Heiligen nehmen auch einen Ehrenplatz am Gnadenaltar ein.

Der Gnadenaltar ist die Mitte der Wallfahrt. Er ist zwar erst 1959 von Anton Reissner entworfen und 1960 von Fritz Hoermann ausgeführt worden, aber diese Stiftung des Patronatsherren, des Fürsten Eugen zu Oettingen-Wallerstein, fügt sich organisch in das Bauwerk ein.

Die Mutter der Schmerzen hat hier gleichsam ihren Thron aufgeschlagen, um die Nöte der Menschen zu den eigenen zu machen.

 

Sie hält den toten Sohn auf ihrem Schoß und sagt damit dem frommen Pilger: "Schau auf meinen Schmerz und erkenne, dass kein Leid dieser Welt ohne Sinn ist." Sie verweist mit ihrer linken Hand auf den himmlischen Vater, dessen Willen alles zum Besten fügt. Der tote Heiland zeigt mit seiner Rechten, aus der alles Leben entschwunden ist, auf den Tabernakel, in dem er im Sakrament bei uns ist. Der ausgestreckte Zeigefinger dieser Hand weist schließlich auf den Altar, den Ort der Gnade Gottes. Hier am Gnadenaltar wird das heilige Opfer gefeiert. Hier steht der Christ mit Maria unter dem Kreuz. Hier hört er mit Maria Gottes Wort. Hier bekennt er mit Maria seinen Glauben. Hier empfängt er seine Sendung hinein in die Welt.

 

Die beiden Seitenaltäre entstanden 1963 - 1965. Geistlicher Rat Jakob Ruf, als Nachfolger des Rheinländers Johannes Kött (1938 - 1956) der unermüdliche Förderer der Wallfahrt, der von 1956 - 1988 in Maria Vesperbild tätig war, hat das Bildprogramm erstellt. Mariä Verkündigung und das Pfingstereignis, Bilder des Malers Jakob Heinlein, erzählen vom "Ja" Marias zum Willen Gottes und der Stellung Marias in der Mitte der Kirche. Figuren der Heiligen Johannes Nepomuk und Sebastian (linker Seitenaltar) lassen Vergangenheit und Gegenwart zusammenklingen. Über allem aber thront der dreifaltige und eine Gott (linker Seitenaltar), der durch den Heiligen Geist (rechter Seitenaltar) die Kirche lenkt und leitet.

 

Der Geist Gottes soll auch den Prediger erfüllen, der auf der Kanzel die frohe Botschaft verkündet. Auf dem Schalldeckel steht groß Jesus selber, der sein Herz verschenkt. Hat Jesus nicht wirklich ein Herz für jeden, ganz besonders aber für seine Mutter? Der Gleichklang der Herzen wird in einem Fresko über dem Gnadenaltar angedeutet. Hat Jesus nicht ein Herz für diejenigen, die mühselig und beladen unter der Kanzel sitzen? Es sind recht verschiedenartige Menschen. Die kleinen Bilder an der Kanzel charakterisieren sie. Da sind die aufmerksamen Hörer (Bergpredigt). Da sind diejenigen, die das Wort Gottes hören und es befolgen (Aussendung der Jünger). Da sind diejenigen, bei denen alles beim Alten bleibt (Paulus in Athen). Ganz gleich wie es um den Hörer steht, der Prediger muss unermüdlich den guten Samen ausstreuen (Sämann); er muss immer aufs neue seine Netze auswerfen (reicher Fischfang); er muss Gott auch das Umögliche zutrauen (Wasser aus dem Felsen). Die Mahnung zur Umkehr und Buße darf nicht verschwiegen werden. Die Einladung zur Beichte gehört zu einer Wallfahrt, wenn sie mehr als ein Ausflug sein soll.

 

Worum es bei einer guten Beichte geht, zeigen die Bilder an den Beichtstühlen der Wallfahrtskirche. Wir sehen (von rechts nach links) den reuigen Petrus, der seine Fehltritt bitterlich beweint; den heiligen Pfarrer von Ars, der nicht müde wird zu sagen "Ach, kehrt um, kehrt um!" Maria Magdalena, der viele Sünden vergeben werden, und Jesus, den guten Hirten. Eigentlich fehlen die Bilder nach der heiligen Beichte. Die Freude, die daraus wächst, wen man von der Last seiner Sünden befreit wieder frei atmen kann, sollte doch auch aufleuchten.

 

Wer aber zum Beichtstuhl an der Westwand der Wallfahrtskirche blickt, der entdeckt dort die Figuren von Heiligen, die durch Buße und Umkehr auf ihrem Weg zu Gott gestärkt wurden. Menschen, von denen die Kirche sagt, dass sie bei Gott im Himmel sind: Bischof Ulrich von Augsburg, Christophorus, Leonhard, Florian und Theresia von Lisieux (von links nach rechts).

 

Manches gäbe es noch zu entdecken, wie die zahlreichen Putten, die das Loblied Gottes singen, oder die allegorischen Fresken, die Fatimamadonna und den Kreuzweg, nicht zuletzt die Votivtafeln, die von Gebetserhörungen berichten, aber beschließen wir unseren Rundgang, indem wir mit Maria Gott preisen: "Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter" (Magnifikat).

 

aus: Die Wallfahrt Maria Vesperbild, Hrsg. Msgr. Dr. Wilhelm Imkamp, Wallfahrtsdirektor Maria Vesperbild