Hinführung zum Vesperbild von Prälat Dr. Wilhelm Imkamp, Wallfahrtsdirektor

Die Darstellung der Mutter Jesu mit dem Leichnam ihres Sohnes ist aus der Passionsfrömmigkeit dominikanisch geprägter Frauenmystik des Spätmittelalters im deutschen Sprachraum entstanden. Bei der Zuordnung der Horen des Breviers zu bestimmten Stationen der Passion Christi wurde die Kreuzesabnahme der Vesper zugeordnet: "De cruce deponitur hora vespertina". So kam es für die Darstellung des Moments nach der Kreuzesabnahme, der Maria mit ihrem toten Sohn zeigt, zur Bezeichnung "Vesperbild".

Die lateinische Bezeichnung "imago pietatis" lebt weiter im italienischen "Pietà". Die fromme Betrachtung des Leidens unseres Herrn Jesus Christus kannte im Anschluss an den Kreuzestod außerdem noch die Kreuzesabnahme, die Beweinung und die Grablegung. Die entsprechenden bildlichen Darstellungen erreichten aber bei weitem nicht die Verbreitung und Popularität des "Vesperbildes". Um 1500 waren von 75 Gnadenbildern im süddeutschen Raum 49 Vesperbilder.

 

Der Ursprung dieses Bildtyps ist kunsthistorisch erforscht, für seine spätere Geschichte aber gilt das nicht so sehr. Das Gnadenbild von Maria Vesperbild gehört in diese spätere Geschichte, es ist sicherlich nicht vor dem 16. Jahrhundert entstanden und war bei seiner Stiftung durch Jakob von St. Vincent, dem damaligen Schlossherrn von Seyfriedsberg, vielleicht doch schon ca. 100 Jahre alt. Das Gnadenbild ist ohne Krone 1,16 Meter hoch, mit Krone, die ein Zusatz aus dem 18. Jahrhundert sein dürfte, 1,37 Meter; die Sockelbreite beträgt 40 cm. In der Diagonalen, von der erhobenen Hand Mariens bis zum ausgestreckten Zeigefinger des Leichnams Jesu, ergeben sich 1,10 Meter. Die Leiche Jesu ist mit 1,20 Meter größer als die Gestalt der Gottesmutter; der dreifach unterteilte, jeweils fünfstrahlige Nimbus Jesu dürfte wie die Krone ein Zusatz des 1 8. Jahrhunderts sein. Mariens rechter Fuß steht höher als der linke, so ergibt sich für den Leichnam Jesu, der von der rechten Hand der Gottesmutter gehalten wird, eine angehobene Stellung, eine Schrägung, die die Zuordnung unseres Vesperbildes zum "treppenförmigen Diagonaltyp" nahe legt. In Telgte und Gengenbach finden sich ebenfalls Vesperbilder dieses kunsthistorischen Typus.

 

Der linke Arm der Leiche Jesu liegt parallel zum Körper, die Hand ruht auf dem Oberschenkel, der rechte Arm fällt zu Boden, wobei der Zeigefinger der rechten Hand ausgestreckt ist. Die Leidensspuren sind deutlich zu sehen, aber keineswegs überakzentuiert. Mariens Blick richtet sich auf den Kopf Jesu mit der Dornenkrone; der Betrachter sieht das Gesicht Mariens dagegen zur Gänze. Dieses Gesicht ist ganz auf Jesus konzentriert, von Trauer gekennzeichnet, aber diese Trauer ist eine beherrschte, ja hoheitsvolle Trauer. Im Gegensatz zu diesem Ausdruck der Zurückhaltung und Beherrschung steht der auffällig erhobene linke Arm mit dem Tränentuch, letzteres wohl auch eine Ergänzung des 18. Jahrhunderts. Maria trägt ein rotes Gewand in barockem Faltenwurf, das von einem goldenen Gürtel in Hüfthöhe zusammengehalten wird; dazu einen bodenlangen goldenen Schleier mit blauer Innenseite. Das Gold des Gürtels und des Schleiers korrespondiert mit dem Gold des Lendentuches Christi. Die rote Farbe des Gewandes deutet an, dass Maria, die ohne Schmerzen geboren hat, am Fuße des Kreuzes unter Schmerzen die Palme des Martyriums erworben hat.

 

Eine professionelle kunsthistorische Untersuchung würde wahrscheinlich weitere Details zutage fördern, sicherlich auch die Frage klären können, wie weit die jetzige Fassung mit ihrer Farbgebung dem Orginal entspricht. Aber nicht die kunsthistorische Betrachtung macht ein Kunstwerk zum Gnadenbild, sondern vielmehr die gläubige Zuwendung. Unser Gnadenbild vermittelt uns durch seine Eigentümlichkeiten, die es gerade von anderen Vesperbildern unterscheidet, auch eine eigene Botschaft. Sicherlich gilt von unserem Vesperbild das, was von allen ähnlichen Bildtypen zu sagen ist: es geht um die Mutterschaft Mariens als den letzten Grund jeder Marienverehrung; es geht um das Kreuzesmysterium im Leben Mariens und in unserem Leben; es geht schließlich weiter um die Hinführung zu einer Passionsfrömmigkeit, die das Leiden unseres Herrn Jesus Christus betend und betrachtend begleitet.

 

Darüber hinaus aber gibt uns unser Gnadenbild gerade in den Eigentümlichkeiten, in denen es vom Bildtypus abweicht, noch einige besondere Impulse für unsere Betrachtung. Da ist die erhobene Linke; es scheint so, als ob Maria uns anhalten will. "Bleibt stehen!", ruft sie uns zu; "geht nicht weiter, geht nicht vorbei!" Die erhobene Hand, die uns Halt und Einhalt gebietet und unsere Aufmerksamkeit verlangt, wie nötig ist sie in unserem Leben. Die Hände Mariens sind vom Künstler des Gnadenbildes überproportional ausgeführt. Nicht nur die Linke mit dem Tränentuch, sondern auch die Rechte, die den Leichnam Jesu hält, ist besonders akzentuiert. Eine Hand, die uns aufmerksam macht, die andere Hand, die uns festhalten kann. Das Gnadenbild lädt zur Betrachtung der Hände Mariens ein. Es sind starke Hände, die zupacken können; Hände, die uns den Weg weisen; Hände, die uns halten. Auch die wichtigste Botschaft des Gnadenbildes empfangen wir von einer Hand, nämlich der rechten Hand Jesu. Sie fällt auf den Boden, aber sie fällt mit ausgestrecktem Zeigefinger. Und auch hier hat der Künstler anatomische Richtigkeiten und künstlerische Vorlagen beiseite gelassen, um eine ganz besondere Botschaft auszudrücken. Der Finger Jesu deutet nämlich auf den Tabernakel, deutet auf den Priester am Altar, der das heilige Messopfer zelebriert. Vom Ende des blutigen Kreuzesopfers führt dieser Finger direkt zur unblutigen Vergegenwärtigung eben dieses Opfers in der heiligen Messe. Der tote Jesus weist auf den lebenden Christus im Tabernakel hin, so erweist sich das marianische Vesperbild als eucharistisches Gnadenbild. Maria macht uns mit der erhobenen Linken aufmerksam, Jesus weist uns mit dem Zeigefinger der rechten Hand den Weg zur Eucharistie. Häufig ist bei diesem Bildtypus die Figur Jesu kleiner als die der Gottesmutter, in unserem Gnadenbild nicht. Einmal mehr zeigt sich so gerade an diesem Vesperbild, daß Maria über sich hinausweist, daß Maria zu Christus führt. Jede Marienwallfahrt ist so immer auch eine Christuswallfahrt: per Mariam ad Jesum.

 

 aus: Die Wallfahrt Maria Vesperbild, Hrsg. Prälat Dr. Wilhelm Imkamp, Wallfahrtsdirektor