Wilhelm Imkamp Volksfrömmigkeit und Wallfahrt

Bild: Prälat Imkamp vor der Wallfahrtskirche Maria Vesperbild

Fragmentarische Überlegungen zum 250-jährigen Jubiläum der mittelschwäbischen Wallfahrtskirche Maria Vesperbild

Etwa zeitgleich mit den liturgischen Reformen infolge des Zweiten Vatikanischen Konzils setzte eine Rehabilitation der Volksfrömmigkeit ein. In Kongressen und Symposien bemühten sich Ethnologen, Anthropologen und Religionssoziologen um eine Neubewertung der spätestens seit der Aufklärung so belächelten, aber auch fanatisch bekämpften Volksfrömmigkeit. Dieser Rehabilitationsprozess hat auch in der deutschsprachigen katholischen (Pastoral-) Theologie in den letzten zehn Jahren eine gewisse Resonanz gefunden, immerhin wird die Volksfrömmigkeit und besonders das Wallfahrtswesen doch allmählich Gegenstand auch der fachtheologischen Forschung und Reflexion.

Volksfrömmigkeit wächst von unten

Volksfrömmigkeit wächst von unten, kommt von der Basis, sie wird immer in einem gewissen Gegensatz zur "Virtuosenreligiösität" (Max Weber) mancher Theologen stehen, denn sie ist gelebte Theologie von unten. Volksfrömmigkeit ist religiöse Bewältigung des Alltags; sie kennt keine Trennung von religiöser Praxis und Alltagsleben, wie sie in einer verbürgerlichten Religion gang und gäbe ist. In diesem Sinne ist Volksfrömmigkeit Öffnung zur konkreten Welt, wie sie schon immer in der katholischen Kirche praktiziert wurde. Volksfrömmigkeit bewältigt die mehr oder weniger mißlichen Gegebenheiten des Alltags. Sie ist längst nicht mehr Magie, und - da, wo sie echt ist - noch lange nicht Folklore; sie ist immer anschaulich und deutlich und deshalb für jeden offen.


Volksfrömmigkeit hat einen starken integrativen Zug. Menschen aller Alters- und Bildungsschichten werden von ihr zusammengeführt, aber sie integriert in ein und denselben Lebensvollzug auch theologische Daten, die sonst häufig nur lose miteinander verbunden sind: sie verbindet "Schöpfungsoptimismus" mit einem gesunden "Erbsündenrealismus". Das Wissen um die Möglichkeit des Missbrauchs führt nicht zu einer Verurteilung des Missbrauchten, sondern zum Gebet für den richtigen Gebrauch. Der Mensch als Ebenbild Gottes bleibt angewiesen auf die Zuwendung des Gottes, dessen Ebenbild er ist. Diese Zuwendung geschieht aber auch - je nach der Disposition des Empfängers - in den Sakramentalien, die als kultischer Ausdruck der Geschöpflichkeit den Menschen in die konkreten Einzelheiten seines Alltags begleiten.

Volksfrömmigkeit ist immer regional bestimmt

Lange bevor es üblich wurde, die Bedeutung von Orts- und Teilkirchen zu betonen, war gerade die Volksfrömmigkeit spezifischer Ausdruck des Lebens einer Orts- und Teilkirche und von deren Eigenheiten bestimmt, wie gerade die großartige "Sakrallandschaft" Bayerns ganz besonders deutlich zeigt!

 


In gewisser Hinsicht ist Volksfrömmigkeit nichts anderes als das, was unter dem Stichwort "Inkulturation" heute überall gefordert wird. Vielleicht nicht ihren ausschließlichen, wohl aber ihren prägnantesten Ausdruck findet die Volksfrömmigkeit in den Wallfahrten. Wallfahrten spielen in allen Hochreligionen eine bedeutende Rolle, sie sind kulturübergreifend Ausdruck einer tief im Menschen verankerten religiösen Grundbefindlichkeit. Die Geschichte des Wallfahrtswesens ist eine Geschichte der Laien. Laien waren in der Regel Träger, Organisatoren und Führer von kleinen und größeren Wallfahrten, und das gerade in Zeiten, für die sonst so gerne "Klerikalismus" diagnostiziert wird.


Wallfahrten gehören auch zur Freiheitsgeschichte des Katholizismus; sie überschritten Grenzen, die eigentlich geschlossen waren, ja, sie wurden besonders unter Kaiser Josef  II. und im Bayern des Grafen Montgelas zu Demonstrationen des Freiheitswillens. Wallfahrten können in Gemeinschaft oder allein stattfinden; sie sind nicht an bestimmte Verkehrsmittel gebunden; eine gewisse Ungebundenheit gehört zur Wallfahrt, auch das macht(e) sie "Pastoralisten", die Frömmigkeit von oben reglementieren woll(t)en, immer verdächtig. Und auch heute noch wird vielleicht manch ein Gläubiger am Sonntag den Gottesdienst in einer Wallfahrtskirche auch deswegen besuchen, um dem Gefühl der sozialen Kontrolle, das ja auch mit dem Kirchgang verbunden sein kann, zu entgehen. Gerade der moderne Mensch, der auch und vor allem durch erhöhte Mobilität gekennzeichnet ist, lässt sich von seiner Kirche nicht mehr in territoriale Begrenzungen einpferchen. So kann der Besuch einer Wallfahrtskirche auch heute noch Ausdruck von Ungebundenheit und Spontaneität sein. Gerade im ruhigen und gesicherten Wissen um die herausragende Bedeutung der Pfarrei für das kirchliche Leben wird man nicht mehr versucht sein, die freie Gottesdienstwahl des mündigen Laien durch einen mittelalterlichen Pfarrzwang einzuschränken.

 

Im Verlaufe der Kirchengeschichte haben sich vielerlei Wallfahrtsziele herausgebildet; unter ihnen nehmen die marianischen Wallfahrten einen ganz besonderen Platz ein. Sie alle sind - eine jeder auf seine eigene Weise - lebendige Zeugnisse der gefühlten Nähe Mariens. In den verschiedenen Stationen ihres Lebens hat Maria jeweils für unser Leben eine konkrete Bedeutung. Das Gnadenbild in der Wallfahrtskirche Maria Vesperbild, vergegenwärtigt z. B. die wohl schwierigste Situation im Leben Mariens: den Abend des Karfreitags, näherhin den Moment nach der Kreuzesabnahme, in dem Maria den Leichnam ihres Sohnes im Arm hält. Dieses Bild ist der Anfang der Wallfahrt im 17. Jahrhundert, und es ist durch die Jahrhunderte hindurch ihr Ziel geblieben. Am Anfang der Wallfahrt steht keine Erscheinung und kein wunderbares Ereignis, sondern eine schlichte Stiftung aus Dankbarkeit. Gerade die Wallfahrt Maria Vesperbild ist nicht von einer weltlichen oder geistlichen Obrigkeit gegründet, eingerichtet oder geplant worden, sondern durch das gläubige Volk geschaffen und gewachsen: sozusagen eine Wallfahrt von unten.

 

Die anmutige Fatima

 

Die Geschichte des Wallfahrtswesens kennt die Aufstellung von Kopien eines bestimmten Gnadenbildes an einem anderen Ort, der dadurch dann selbst zum Wallfahrtsort wird. Kevelaer am Niederrhein und die Loretokirchen, vor allem im süddeutschen Raum, sind die berühmtesten Beispiele für eine solche Kultfiliation. Einen ähnlichen Vorgang gab es in Maria Vesperbild, als 1958 auf einer Lichtung im nahegelegenen Wald eine Holzfigur unserer lieben Frau von Fatima aufgestellt wurde. Diese Figur fand sofort überwältigende Akzeptanz bei den Wallfahrern.

 

Zahlreiche, schlichte Votivtafeln an der Grotte künden davon, daß hier immer mehr Menschen eine ganz besondere Erfahrung der helfenden Nähe Mariens machen dürfen. Die Votivtafeln zeigen darüber hinaus, daß gerade ausländische Christen hier ein Stückchen Heimat finden: ein aktuelles Beispiel für die Integrationskraft der Volksfrömmigkeit. Die Geschichte der von Fatima ausgehenden Seelsorgsimpulse im großen und die Akzeptanz der entsprechenden Kultfiliation in Maria Vesperbild mit ihrer nahtlosen Integration in das bayerisch-schwäbische Wallfahrtsgeschehen im kleinen zeigen die fortdauernde Lebendigkeit, Dynamik und Flexibilität der Volksfrömmigkeit.

 

Gerade an Wallfahrtsorten wird sicherlich die "Spannung von theologischer Rationalität und gläubiger Affektivität" (J. Ratzinger) ganz besonders deutlich spürbar werden. Diese Spannung durchzutragen, dabei Abwegigkeiten, Brüche und Einseitigkeiten zu vermeiden, gehört zur integrativen Funktion jeder Wallfahrtsseelsorge, dafür liegt seit 2002 mit dem "Direktorium über die Volksfrömmigkeit" eine authentische Hilfe vor. Dieses Dokument der "Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung" aus dem Jahre 2002, unterstreicht die Bedeutung der Volksfrömmigkeit und des Wallfahrtswesens in einer ganz besonderen Weise.

 

Die letzten 250 Jahre (am 7. August 1756 wurde die heutige Wallfahrtskirche eingeweiht) sind für Wallfahrt Maria Vesperbild eine einzigartige Erfolgsgeschichte. Aus dem Rückblick Kraft für die Gegenwart und Mut zur Zukunft schöpfen, das ist die Botschaft, die ihre Gültigkeit und Aktualität im hier und heute täglich zeigt.

 

Zum Jubiläumsjahr erscheint auch wieder der (kostenlose) Wallfahrtskalender von Maria Vesperbild mit allen Informationen zur Wallfahrt, ein echter Stundenplan Mariens, ein Fahrplan der Gnade.